Von Ambitionierten und Geläuterten

Normalerweise bin ich eine, die gerne aus eigener Erfahrung lernt. In diesem Falle belasse ich es lieber bei der Erfahrung anderer: Die Mär vom kontrollierten Trinken. Außerdem hätte ich es ja versucht, sicher ein Jahrzehnt lang, immer wieder. Es ging nicht. Weder kontrolliert noch ganz ohne.

Diejenigen, die schon einmal so tief dringesteckt sind, dass sie sich einer Suchttherapie unterzogen haben und auch weiterhin ernsthaft an ihrer Nüchternheit festhalten wollen, wissen, dass kontrolliertes Trinken nicht funktioniert, wenn sie die Konsequenzen des einen Schluckerls weiterdenken. Ich nenne sie “Die Ambitionierten”.

Diejenigen, die ebenfalls all das hinter sich haben und es trotzdem noch einmal wissen wollten, was wirklich nach dem einen Schluckerl passiert, wissen nachher noch besser, dass kontrolliertes Trinken nicht funktioniert: “Die Geläuterten”.

Ich bin sehr froh, dass es diese Therapiegruppen gibt, wo die “Geläuterten” den “Ambitionierten” diese Erfahrungen weitergeben. Sonst bliebe es graue Theorie der Neurologen, Psychiater und Therapeuten. Und die “Ambitionierten” müssten sich immer wieder diese Frage stellen, ob es nicht doch funktionieren könnte, kontrolliert zu trinken.

Von QuartalstrinkerInnen und SpiegeltrinkerInnen

Bei der Alkoholkrankheit geht es nicht nur ums tägliche Trinken. Sich zu beweisen, dass man z.B. 40 Tage Fastenzeit ohne Alkohol auskommt, heisst leider noch lange nicht, dass man kein Alkoholproblem oder eine Abhängigkeit hat. Da man das Suchtmittel ja nachher wieder bekommt, schafft es das Gehirn sich dementsprechend darauf einzustellen. Wie ich z.B. wirklich ganz aufgehört hatte, war es anders. Da reagierte mein Körper und mein neurologisches System sehr wohl. Nicht die typischen Zitterer oder weißen Mäuse, aber mein Immun- und Nervensystem war im Keller, ich hatte schwere Konzentrationsstörungen und sehr sehr komische Gedanken. Aber dazu ein ander Mal.

Ein, zwei Monate lang, “ganz normal” hie und da ein, zwei Glaserl bei Anlässen, habe ich auch schon geschafft, und dann hatte es mich wieder. Bei irgendeinem Anlass ließ die Kontrolle los und das Fass hatte keinen Boden mehr. Auch die Anlässe wurden mit der Zeit komischerweise immer häufiger. Irgendwann gibts immer einen Grund zum “Feiern”. Dann kamen wieder öfter auch mal ganze Weinflaschen zum Feierabend in Haus und so ging es weiter, bis ich wieder da angelangt war, wo ich sogar unter der Woche abends nicht mehr aufhören konnte und mir wieder einmal schwor, nie wieder einen Schluck zu trinken. Und das ganze ging von Neuem los. Man nennt das auch Quartalstrinker oder Rauschtrinker.

Der “Feierabend” ist ein weit verbreiteter legitimer Grund. Jede/r mit einer solchen Angewohnheit sollte sich fragen, ob das wirklich nötig ist. Man ist leichter drin, als man glaubt, aber man kann meistens noch rechtzeitig die Handbremse ziehen: Es öfter mal weglassen, vor allem alleine oder wenn es wirklich keinen richtigen Anlass gibt. Wer meint, er/sie könne, wolle, solle trotzdem jeden Abend sein Flascherl, Doserl oder Glaserl trinken, sollte vielleicht einmal eine Alk-Therapie-Gruppe im API, beim Blauen Kreuz, den AA oder sonst wo besuchen. Sehr gute Erkenntnisse sag ich nur. Oder man macht einen Online-Fragebogen, wie es denn um seine/ihre Trinkgewohnheiten bestellt ist. Auch andere Informationen dort sind recht interessant. So habe ich begonnen, es langsam zu realisieren. Es gibt auch gute Bücher, die kann man ganz anonym im Buchgeschäft durchblättern. Denn was allen Süchten gemein ist, ist die Scham, auch vor sich selber. Daher soll es ja auch so lange wie möglich niemand wissen, am besten nicht einmal das eigene Bewusstsein.

die-maer Donaukanal – Freitag, 22. April 2016

Zurück zu den verschiedenen Ausprägungen: Die Quartalstrinker erkennt man nicht so schnell, man ist lange Zeit sozial ziemlich verträglich, vor allem wenn man jung ist. Aber ganz ehrlich, wenn ich so weitergemacht hätte, wäre ich untertags auch nicht mehr trocken geblieben. So wie bei den Spiegeltrinkern, hier wird es im Alltag ersichtlicher. Da ist die Abhängigkeit derart ausgeprägt, dass man wirklich keine Pausen mehr einlegen kann. Die Entzugserscheinungen beginnen sofort wenn die Blutalkoholkonzentration sich abbaut. (siehe hier die Promilleberechnungsformel)

Es ist weder das eine noch das andere besser oder schlechter. Es ist jede einzelne Geschichte eine Mischung aus den verschiedensten Trinkgewohnheiten und die Hölle, wenn man drinsteckt. Daher ist man auch so dermaßen froh, wenn man es heraus geschafft hat.
Nun vergehen Wochen, Monate, Jahre, man ist hart geblieben, auch wenn es immer wieder schwer ist, man leidet mit der Zeit aber nicht mehr so unter dem Drang zu trinken, auch Craving genannt. Dann kommen die netten Erinnerungen, mhmm, der gute Geschmack des Rotweins beim Essen, das kühle Bier an einem lauen Sommertag oder beim Fußball schauen, es geht einem eh so gut, das muss doch wieder funktionieren, man hat sein Suchtgedächtnis eh im Griff. Schmecks.
Die Erfahrungen der “Geläuterten” sagen: Nein. Das sind z.B. welche, die 10, 20 Jahre nichts getrunken haben, und dann ein Glas und aus wars.
Ich sage auch: Sicher nicht, in diese Hölle will ich keinen Fuß mehr setzen. (Ich hätte gerne einen weniger religiösen Ausdruck, mir fällt nur nichts Äquivalentes ein.)

Das Hintertürl

Es gibt eine große Anzahl von Menschen, die Alkoholmissbrauch betreiben und sich immer wieder so an oder über der Schwelle zur Abhängigkeit befinden. Es ist immer eine Gratwanderung, nur wie wir eben so sind: zum Arzt gehen wir im allgemeinen erst dann, wenn wir ganz tief in der Misere stecken.
Es gibt auch viele Problemtrinker, die nie aufgehört haben. Die stecken drin, aber es geht ihnen gut. Sagen sie zumindest. Sie halten sich Oberwasser, irgendwie. Glauben sie zumindest. Ich glaube es ihnen nicht. Sie sich in Wahrheit auch nicht, aber das ist eine andere Geschichte.

Es gibt aber auch genug mit einer problematischen Trinkvergangenheit, die sich eben nicht mehr ober Wasser halten konnten und daher eine Therapie gemacht haben. War eine nette Auszeit. Sie haben nur von Anfang an nie wirklich daran gedacht, nie wieder in ihrem Leben Alkohol zu trinken, sondern sich einen Hintertürl-Gedanken offen gehalten.
Entweder sie hatten wirklich nie ein richtiges Alkoholproblem bzw. eine Abhängigkeit und schaffen das kontrollierte Trinken oder sie reihen sich irgendwann unter die “Geläuterten” ein, die dann auch den anderen erklären, es funktioniert nur ganz oder gar nicht.

Hintertuerl

Zugegeben, am Anfang ist es besser, sich zu sagen, es geht nur um die nächste Minute nichts zu trinken, den einen Tag, oder die nächste Woche, die kommenden Monate. So laviert man sich durch die Tage durch und es ist einfacher, kurzfristiger zu denken. Später, so wie es bei mir der Fall ist, nach 1 Jahr und 10 Monaten (ja ich werde bald ein happy anniversary feiern), ist es besser, kein Hintertürl mehr zu haben, also zu sagen: auf immer und ewig nie wieder. Man kommt sonst zu leicht auf blöde und riskante Gedanken. Vielleicht widersprechen jetzt manche, aber denken wir es einfach nur mal durch:

Sagen wir, ich spiele mit dem Gedanken, dass es irgendwann funktionieren könnte ganz normal hie und da kontrolliert zu trinken: Dann greife ich definitiv mal zu einem Glas, um es auszuprobieren.
Im anderen Fall nehme ich mir vor, und zwar ganz fest und beinhart mit meinem ganzen Willen, für den Rest meines Lebens keinen Schluck Alkohol mehr anzurühren. Werde ich da früher, später, oder gar nicht zu einem Glas greifen?
Ich würde sagen entweder gar nicht oder später, als wenn ich mir das Hintertürl aufhalte. In beiden Fällen würde ich wieder hineinschlittern in die alten Trinkgewohnheiten, wenn ich anfange zu versuchen kontrolliert zu trinken, weil mein Gehirn geprägt ist – das ist die Abhängigkeit, eine chronische Krankheit. In beiden Fällen würde mich das schlechte Gewissen mir und allen anderen gegenüber plagen. In beiden Fällen hätte ich die Mühsal wieder aufzuhören und das ganze Prozedere wieder durchzustehen mit Entzugserscheinungen, Cravings, etc.

Nur im Falle des Nicht-Hintertürl-Aufhaltens, besser ausgedrückt:
Im Falle des Hintertürl-Geschlossen-Haltens werde ich eher abstinent bleiben und das ganze nicht noch einmal erleben müssen.

Abgesehen davon, wozu würde ich denn überhaupt wieder trinken wollen? Ich will es ja gar nicht mehr, weil es mir ohne ja besser geht.

In diesem Sinne: Viel Spass mit trockenem Humor  🙂

A:woman

 

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